„Die dramatische Flucht der jüdischen Familie Merel aus Sassanfahrt“

Ca. 50 Interessierte folgten der Einladung des Hirschaider Kunst- und Kulturvereins, um am Freitagabend, 19. April 2013, im „Museum Alte Schule“ die packende Geschichte der jüdischen Familie Merel kennenzulernen.

Johann Fleischmann, Kopf des Arbeitskreises „Jüdische Landgemeinden an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach“, erhielt vor einigen Jahren von der 1931 in Sassanfahrt geborenen Jenny Merel deren Erinnerungen und die ihrer Schwester Sophie an eine zunächst schöne Kindheit in Sassanfahrt – ab 1938 wandeln sich die positiven Erinnerungen in dramatische Flucht- und KZ-Beschreibungen. Nach einleitenden Anmerkungen über den Arbeitskreis und wie die Erinnerungen zurück in den Ebrachgrund kamen, verwandelte sich der Vortragsabend in Hirschaid in eine Lesestunde.

Zunächst las die erst siebenjährige Jana, die Enkelin von Johann Fleischmann, aus den Erinnerungen von Jenny Merel an ihr Heim in Sassanfahrt:

Jana beim Vorlesen

Meine Mutter hatte genug zu tun: mit dem Haushalt, sich um uns kümmern, stopfen, sauber machen, Marmelade machen, kochen, und was nicht noch alles. Alle zwei Wochen kam eine Frau aus dem Dorf, um die Wäsche zu waschen und meiner Mutter bei allem möglichen zu helfen.

Es war Sophies und meine Aufgabe, große Servierbretter mit Challot-Brot, Kuchen und sogar Brot zum Bäcker zu bringen. Nach ein paar Stunden sind wir zurückgekehrt, um die goldenen, gut gebackenen, wirklich professionellen und leckeren Sachen wieder nach Hause zu bringen. Meine Mutter war die beste Bäckerin der Welt.

Gott sei Dank hatten wir fließendes Wasser in unserem Haus, wir mussten es erwärmen und zur Badewanne bringen, da wir kein fließendes heißes Wasser aus dem Wasserhahn hatten. Es war eine Menge harter Arbeit. Wir hatten auch ein W.C. im Haus.

Vaters Hobby war der Garten. Wir lebten in einem großen Haus und hatten einen großen Garten auf der Rückseite. Da stand ein riesiger Kirschbaum, auf dem Sophie und ich gerne herumkletterten. Wir hatten einen Birnbaum neben dem Haus, der große, süße Birnen trug. Wir hatten drei Zwetschgenbäume und viele Büsche in einer Reihe, mit Stachelbeeren und Johannisbeeren, die quer durch den Garten gingen.

Schabbat war immer der beste und schönste Tag der Woche. Zuallererst, weil unser geliebter Vater heimkam. Er arbeitete die ganze Woche über im Familiengeschäft in Bamberg. Unsere zwei älteren Schwestern Lotti und Esther kamen heim, und unser Bruder Nathan, der auf der Jeshiva in Burgpreppach war und nur selten heimkam. Aber wenn er einmal da war, brachte er viel Leben ins Haus durch Geschichten erzählen, Witze machen, Tricks vorführen. Sophie und ich hingen an seinen Lippen. Wir schauten auf zu unserem großen Bruder. Es war die Zeit, in der wir zusammenklebten.

Freitagnacht beteten wir zu Hause. Vater und Nathan gingen dann noch in die Schul nach Hirschaid. Wir zogen unsere guten Kleider an und Mutter trug ihren Schmuck. Wir alle hatten ein besonderes Essen mit Challot und Wein (den Vater aus Rosinen gemacht hatte) und anderen Köstlichkeiten.
Wir sangen Lieder zu Ehren des Schabbat und es war eine außerordentlich warme Atmosphäre in unserem Haus. Vater hatte eine gute, klare, laute Stimme. Er kannte alle Lieder vom jüdischen Theater und er liebte das Singen. Die Schabbat-Kerzen, insgesamt sieben – zwei für den Schabbat, fünf entsprechend der Zahl der Kinder im Haushalt, gaben unserem Eßzimmer eine festliche Stimmung.

Zweimal im Jahr nahm unsere liebe Mutter Sophie und mich mit zur örtlichen Schneiderin - kurz vor Pessach und vor Rosh ha Shana. Den Stoff, meist schöne blau-blümelige Baumwolle, stammte aus dem Familiengeschäft in Bamberg. Das Problem war, dass es die großen, weißen Gänsen im Garten der Schneiderin gab. Sophie und mich graute vor ihnen und ich kann Euch sagen: wenn man anfängt zu rennen, weil man Angst vor ihnen hat, werden sie einen jederzeit einholen und von hinten zwicken. Glaubt es mir und seid gewarnt! Wir hassten es, neue Kleider zu bekommen, nur wegen dieser frechen Gänse.

Mit der sog. Polenaktion im Oktober 1938 begann die Odysse der Familie durch halb Europa. Die drei älteren Kinder wurden 1939 mit einem Kinder¬transport nach England in Sicherheit gebracht. Jenny und Sophie blieben bei ihren Eltern Samuel und Minna Merel. Sie flüchteten zunächst nach Brüssel, wo sie Bombenangriffen ausgesetzt waren. Weiter ging die Flucht nach Frankreich, bis der Vater in einem Lager der Familie entrissen wurde. Mutter Minna und die beiden mittlerweile zehn- und zwölfjährigen Mädchen wurden in verschiedenen französischen Konzentrationslagern festgehalten. Im Lager Rivesaltes starb Mutter Minna an Dipherie, die beiden Mädchen waren von nun an auf sich allein gestellt. Passagen aus den Erinnerungen von Jenny und Sophie Merel lasen Laura und Luisa, zwei 13-jährige Mädchen aus Hirschaid. Nachfolgend einige Auszüge:

Jana, Laura und Luisa erhalten eine kleine Anerkennung

Sophie und ich gingen in die örtliche Schule in Sassanfahrt. Eines Tages, es muss schon 1939 oder kurz davor gewesen sein [es war Oktober 1938, als diese Aktion lief; eine der Folgen davon war das Attentat in Paris auf Gesandtschaftsrat vom Rath], wurden wir mitten im Unterricht am Morgen von einem Polizisten herausgeholt und nach Hause begleitet. Dort waren unsere Eltern beim Packen kleiner Koffer für jeden von uns für unsere Reise zurück nach Polen. Die Deutschen wollten frei sein von ausländischen Juden und schickten alle polnischen Juden zurück nach Polen. Meine Eltern konnten und durften nur einen kleinen Koffer mitnehmen.

Es war ein Desaster – eine sehr schwierige Zeit... wie soll man entscheiden, was man nach einem halben Menschenleben aus dem Haus mitnehmen soll? Unser örtlicher Polizist, der mit Vater gut bekannt war, sagte entschuldigend: „Herr Merel, es tut mir leid“ und ähnliche Worte. Aber an der Bahnstation herrschten andere Sitten. Die Deutschen behandelten uns rücksichtslos. Wir waren nur noch Nummern. Wir hatten keine Identität mehr.

Der Allmächtige war gut zu uns. Gesegnet sei ER, weil der letzte Zug, der die polnische Grenze erreichte, und wir saßen darinnen, keine Erlaubnis bekam, durch Polen durchzufahren. Die Polen akzeptierten nicht noch mehr Juden. Unser Zug kehrte nach Deutschland zurück. Ihr könnt euch unseren Jubel vorstellen. Wir kehrten in unser behagliches Heim nach Sassanfahrt zurück.

Meine Schwestern Lotti und Esther und mein Bruder Nathan wurden nach England mit einem Kindertransport geschickt, kurz bevor der Krieg ausbrach.

Weitere Lesepassagen galten der sog. „Reichskristallnacht“, der Flucht über Belgien nach Frankreich. Dort kamen die Eltern mit den beiden Mädchen in ein Sammellager, bald wurde der Vater in ein Arbeitslager verbracht. Von dort wurde er nach Auschwitz deportiert und ermordet.
Mutter Minna und die beiden Mädchen durchliefen verschiedene Lager in Südfrankreich, bis sie in das KZ Rivesaltes kamen. Dort verstarb die Mutter – Jenny und Sophie standen nun vollkommen alleine da.

Es war abends. Wir waren viele Stunden unterwegs gewesen und erreichten das Lager hungrig, durstig, müde und niedergeschlagen. Wir hatten zu befolgen, was die gefürchteten, bewaffneten Wachen uns befahlen. Wir bekamen diese Nacht kein Essen und wir waren während der meisten Zeit in diesem Lager hungrig. Das erste, was mir als kleinem Kind Angst machte, waren die großen Türme mit Wachposten darin. Diese waren bewaffnet und richteten Gewehre auf uns. Das gesamte Lager war umzäunt mit hohem Stacheldraht und Wachtürmen etwa alle 30 Meter.

Bald nach unserer Ankunft in Rivesaltes wachte ich schlotternd und fiebrig auf. Ich konnte überhaupt nicht schlucken. Ich kam in eine andere Hütte mit dem Wort „Krankenstube“ an der Tür. Da untersuchte man mich und man sagte mir, dass ich Diphterie hätte. Ich wurde in Isolation genommen, da die Krankheit ansteckend war. Mir wurde nicht erlaubt, zu Mutter und Sophie zurückzukehren.

Ich war sehr einsam und weinte mich in den Schlaf. Mutter und meine Schwester kamen nah an die Baracke, in der ich war, heran, aber ihnen war nicht erlaubt, herein zu kommen. Alle Fenster waren mit blauer Farbe zugemalt. Ich stand am Fenster und mit meinen Fingern und Spucke machte ich zwei Augen, so dass ich meine Familie sehen konnte; das war ein kleiner Trost. Ich weiß nicht, wie lange ich im Krankenlager war, aber es schien mir eine Ewigkeit.

Als mir schließlich erlaubt wurde, zu unserer alten Hütte zurückzugehen, fand ich Sophie allein vor, ohne meine liebe Mutter. Das erste, was mir meine Schwester erzählte, war, nicht beunruhigt zu sein, weil unsere Mutter zum Arbeiten in einem anderen Teil des Lagers war. Ich stellte so viele Fragen und sie beantwortete alle optimistisch und mit einem schwachen Hoffnungsschimmer. Ich wollte ihr so sehr glauben!

Nach der glücklichen Befreiung aus dem Lager wurden die Mädchen in verschiedenen Orten in Frankreich versteckt. Endgültige Sicherheit aber brachte nur die weitere Flucht in die Schweiz. Nach Ende der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft kam es in London zur Wiedervereinigung mit den drei älteren Geschwistern.

Wir kamen im Oktober 1945 in England an. Die Überfahrt war das allerschrecklichste wegen eines Sturms im Ärmelkanal. Endlich kam der Zug in Victoria-Station zum Stehen. Wir waren wieder mit unseren Schwestern und mit dem Bruder zusammen. Wir erkannten sie kaum wieder, schließlich sind fünfeinhalb Jahre eine lange Zeit in einem Kinderleben... wir hatten uns alle sehr verändert... Esther sagte „Jennyla, du hast dich kein bißchen verändert“.

Wir konnten mit ihnen nicht Englisch sprechen. Sie konnten kein Französisch. Aber sie alle empfingen uns mit viel Liebe und Wärme und wir waren überglücklich, sie gefunden zu haben. Wir sind auch höchst dankbar den dreien gegenüber. Sie taten alles in ihrer Macht stehende, uns die Liebe und Wärme eines Elternhauses zu geben. Sie nahmen sich wirklich unser an, wie es unsere Eltern gewünscht hätten.

In dieser ersten Nacht in London gab mir Sophie einen Gute-Nacht-Kuss und umarmte mich. Sie sagte: „Hör zu, Jenny, es tut mir leid, aber ich muss dir jetzt die Wahrheit sagen. Unsere liebe Mutter starb im Lager Rivesaltes zu der Zeit, als du wegen Diphterie im Krankenlager warst. Du warst zu jener Zeit zu klein, ich wollte dich nicht beunruhigen und habe es dir nicht erzählt.“

Ich war schockiert. All die kindliche Hoffnung, die ich aufgebaut hatte, nach dem Krieg unsere Eltern lebend zu finden, hatte sich in Luft aufgelöst. Aber tief in meinem Herzen befürchtete ich schon lange, dass sie nicht überlebt hätten. Ich war tief traurig angesichts dieser Nachricht und konnte trotzdem nicht einmal weinen... meine Tränen wollten nicht kommen.

Während der Lesung wurden Bilder gezeigt, die Johann Fleischmann von Jenny Merel erhalten hatte:


Sophie und Jenny Merel in Sassanfahrt

Bilder vom Wohnhaus der Familie Merel in Sassanfahrt sowie Klassenfotos von 1937 und 1938 mit Sophie und Jenny Merel konnte schon vor ein paar Jahren deren leider verstorbene Schulkamerad Adam Spies, Sassanfahrt, beisteuern.


Jenny Merel


Sophie Merel


In etwa zwei Jahren sollen die dramatischen Berichte von Jenny und Sophie Merel als Mesusa-Buch Band 11 erscheinen:

 

Nach der Lesung gab es Fragen zu Jenny, Sophie und ihren Bruder Nathan. Einige ältere Zuhörer ließen auch Grüße an Jenny ausrichten.
Ein Mann mittleren Alters aus Sassanfahrt würde gerne ein Bild seiner Mutter an Jenny senden. Sie war Schneiderin, in den Erinnerungen beider Mädchen wird oft eine Schneiderin erwähnt, bei der die Merel-Mädchen ihre neuen Kleider genäht bekamen; dies würde ihn sehr freuen.

Johnann Fleischmann plant diese nachdenklich machende Lesung im November 2013 anlässlich der 75-jährigen Wiederkehr der Reichsprogromnacht (vielleicht im Theater Kuckucksheim in Heppstädt) zu wiederholen.