Mesusa 9 - Carl Marschütz

Sein Herz ist in Franken geblieben

Jüdische Geschichte - Carl Marschütz ist wohl der berühmteste Sohn von Burghaslach. Der Gründer der Nürnberger Hercules-Werke musste im Alter von 78 Jahren in die USA fliehen. Der Mühlhausener Heimatforscher Johann Fleischmann beschreibt das Leben und Wirken des Industriellen in seinem Werk „Mesusa 9“, das am Sonntag in Burghaslach vorgestellt wird.

Mühlhausen - „Mein dritter Bruder Heinrich lief über eine zugefrorene Mistgrube, brach ein und musste an den Haaren herausgezogen werden. Seine Kleidung stank wochenlang.“ Die Erzählung über den Unfall seines Bruders gehört zu den lebhaft geschilderten Kindheitserinnerungen von Carl Marschütz, der 1863 in Burghaslach geboren wurde, 1886 als 22-Jähriger die Nürnberger Fahrradfabrik Hercules gründete und sie bis 1938 leitete. Das Zweirad hatte gerade die Entwicklung vom Hoch- zum Niederrad hinter sich, und Marschütz erkannte das große Potenzial dieses Fortbewegungsmittels.

Der Geburtstag von Carl Marschütz, dem genialen fränkischen Industriellen jüdischen Glaubens, jährt sich in diesem Jahr zum 150. Mal. Gerade rechtzeitig zum Jubiläumsjahr hat Autor und Heimatforscher Johann Fleischmann aus Mühlhausen sein neuntes Buch der Mesusa-Reihe über die Spuren jüdischer Vergangenheit an Aisch, Aurach, Ebrach und Seebach herausgebracht.

Auf 400 Seiten widmet es sich ausschließlich dem Leben und Werk des fränkischen Unternehmers. Zehn Jahre hat Fleischmann für das Buch gesucht und gesammelt. Dabei steht für den Autor nicht so sehr das Hercules-Unternehmen, sondern „der Mensch Marschütz“ im Mittelpunkt. Seine Geschichte und die seiner Familie gewähren nicht nur Einblicke in Leben und Kultur jüdischer Familien, sondern sind darüber hinaus Zeitzeugnisse aus dieser Region Frankens.

Dabei kommt den Kindheitserinnerungen in Burghaslach, die Carl Marschütz selbst aufgeschrieben hat, eine große Bedeutung zu. Ob es um das Beerensammeln im Wald bei Gleißenberg geht, um die strengen Erziehungsmaßnahmen seines Vaters, der Lehrer in Burghaslach war, oder um die Treibjagd des Grafen von Castell – die bis ins Detail beschriebenen Geschehnisse gewähren überaus interessante Einblicke in Leben und Alltag im Steigerwald vor mehr als hundert Jahren. Fleischmann dokumentiert darüber hinaus die Geschichte „der ältesten Zweiradschmiede der Welt“ und später deren Arisierung in der „Unzeit“ ab 1933.

Durch die Nazis seines Lebenswerks beraubt, flüchtete Marschütz 1941 78-jährig zu seiner Schwester Anna Fränkel in die USA, wo er seinen Lebensabend verbrachte und 1957 starb. Wirklich angekommen ist der Franke in Amerika aber nie. In dieser Zeit bringt er seine Erinnerungen an Nürnberg und Burghaslach zu Papier.

Carls Sohn Leo ist in dem Buch ein eigenes Kapitel gewidmet. „Sehen werde ich von Germany nichts mehr, aber meine Gedanken sind noch drüben“, schreibt Carl Marschütz 1952 an seinen Sohn, der in den 30er-Jahren nach Aix-en-Provence (Frankreich) emigrierte und dort als großer Verehrer des Malers Paul Cézanne dessen Spuren folgte. Zumindest in den Anfangsjahren muss der Künstler Leo Marchutz – wie er sich in Frankreich nannte – in sehr ärmlichen Verhältnissen gelebt haben.

Heute ist Marchutz in Frankreich ein bekannter Künstler, dem in diesem Jahr Ausstellungen in Marseille und Aix-en-Provence gewidmet sind. Die Briefe, die Vater Carl aus Kalifornien nach Frankreich schreibt, sind eindrucksvoll und aufschlussreich. Obschon er offensichtlich selbst nicht viel besaß, sandte der Vater Pakete mit Kleidung, Kaffee und „Food“ an den Künstler in Frankreich.

Natürlich beschreibt Fleischmann auch die wechselvolle Geschichte der Hercules-Werke und die „Wiedergutmachung“, die erst kurz vor Marschütz’ Tod 1957 abgeschlossen wurde. Marschütz’ sterbliche Überreste wurden seinem Wunsch entsprechend in Nürnberg an der Seite seiner schon 1931 verstorbenen Ehefrau Adele beigesetzt.

Die wichtigsten Informationen lieferte dem Autor der 2010 verstorbene John Frankel, Sohn von Marschütz’ Schwester Anna. Marschütz’ Enkel Antony (Sohn von Leo in Frankreich) wird Anfang Juni Johann Fleischmann besuchen und bei der Vorstellung seines Buches im Nürnberger Museum Industriekultur am Sonntag, 9. Juni um 16.30 Uhr dabei sein. Wer an dieser Veranstaltung teilnehmen möchte, meldet sich per E-Mail unter Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! an.

Quelle: www.infranken.de
von Evi Seeger