Ausstellung zum Werk Johann Fleischmanns

Er war Spurensucher und Heimatforscher aus Mühlhausen

MÜHLHAUSEN - Er war Heimatforscher und Spurensucher jüdischen Lebens in Franken. Er hat Geschichten gefunden, Mosaiksteinchen zusammengesetzt und Schicksale aufgedeckt. Johann Fleischmann, früherer Vorsitzender des Arbeitskreises jüdische Landgemeinden, steht im Mittelpunkt einer Ausstellung in seinem Geburtsort Mühlhausen.


Die Ausstellung in Fleischmanns Geburtsort Mühlhausen stellt die von ihm gesammelten Geschichten um außergewöhnliche Persönlichkeiten und Schicksale in den Mittelpunkt. Foto: Claudia Freilinger

Die Heimatforschung war alles. „Er konnte gar nicht mehr anders“, sagt Anna Bär. Gemeinsam mit ihrer Schwester Gertrud hat sie für den Heimatverein Reicher Ebrachgrund eine Ausstellung zusammengestellt, die das Werk von Johann Fleischmann würdigt. Der Spurensucher jüdischen Lebens war so vernetzt in der ganzen Welt, dass ihn immer wieder Nachfahren kontaktierten von Menschen, die von den Nazis aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Und so ging die Forschung weiter und weiter, bis der Mühlhausener im November 2013 im Alter von 61 Jahren einem Krebsleiden erlag.

Der gelernte Ingenieur war der Herausgeber der vielbeachteten Buchreihe „Mesusa“. Neun Bände mit aufsehenerregenden Familiengeschichten hat er herausbringen können — der letzte wurde Ende Mai 2013 vorgestellt, Band zehn war bereits in Arbeit, sein Sohn möchte ihn noch zu Ende bringen.

Spannende Geschichten um außergewöhnliche Persönlichkeiten, tragische Schicksale, all das verdankt die Öffentlichkeit den Recherchen des Mühlhauseners. Fleischmann veröffentlichte so die Karriere von Tobias Coen aus Mühlhausen, der es in Paris bis zum Fußpfleger Napoleons brachte – oder die Geschichte von Carl Marschütz, einem Juden aus Burghaslach, dem Gründer der Hercules-Werke. Die beiden Schwestern Bär haben die Inhalte der „Mesusa“-Bände an Stellwänden herausgearbeitet.


Johann Fleischmann — hier bei einem Vortrag in Lonnerstadt — war sein Leben lang ein unermüdlicher Heimatforscher. Foto: Andrea Rudolph

Dutzende solcher Forschungen hat Johann Fleischmann angestellt und zum Beispiel herausgebracht, dass Gregor Gysis Vorfahren auch aus Mühlhausen stammen. Fleischmann knüpfte so Kontakte in alle Welt — überallhin, wohin es jüdische Menschen aus ihrer Heimat verschlagen hatte.

Schon im Jahr 2000 wurde dieses Ausgraben jüdischer Spuren international gewürdigt. Fleischmann erhielt die Ehrenurkunde des Londoner „Institute for Contemporary History and Wiener Library“. Seine Arbeit, hieß es, sei von unschätzbarem Wert.

Vielen Besuchern aus aller Welt hat Fleischmann die Heimat ihrer Vorfahren gezeigt und dadurch Versöhnungsarbeit betrieben.

Anna und Gertrud Bär erinnern auch an sein Engagement für ein neues Mahnmal in Mühlhausen, dass seit 1996 auf dem Kirchenvorplatz steht und auch an die jüdischen Opfer erinnert, die während der Shoah ermordet wurden. Seit damals haben die Schwestern immer wieder eng mit Fleischmann zusammengearbeitet, den sie seit Kindheit kannten.

„Wir hatten schon lange vor, sein Werk einmal mit einer Ausstellung zu würdigen“, sagen sie. Jetzt haben sie die Gelegenheit genutzt und die Schau zusammengestellt, bevor das Archiv des Heimatverein Reicher Ebrachgrund in den nächsten Monaten in ein anderes Gebäude in der Nachbarschaft umziehen muss. Dort wird weniger Platz sein. Und die Forschung des Spurensuchers Johann Fleischmann nehmen eben großen Raum ein — auch in der Geschichte.

Quelle: www.nordbayern.de vom 03.09.2015
von cf (Claudia Freilinger)