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Montag, 6. September 2010
Mesusa 6 - Dr. Manfred Moses Haas

In Auschwitz verliert sich seine Spur … 

Nationalsozialismus - Der Heimatforscher Johann Fleischmann stellte den 6. Band der Reihe „Mesusa“ vor. Darin beschreibt er das Leben von Manfred Haas, einem jüdischen Mitbürger aus Mühlhausen, im Dritten Reich

Mühlhausen - Der 9. November 1938 ging als Reichspogromnacht in die Geschichtsbücher ein. 70 Jahre danach wurde in Mühlhausen Band 6 der Reihe Mesusa vorgestellt. Johann Fleischmann beschreibt darin exemplarisch anhand von Dr. Manfred Moses Haas aus Mühlhausen jüdisches Schicksal im Dritten Reich..

Angesichts der rund sechs Millionen Opfer ist die gewaltige Dimension der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie heute kam mehr vorstellbar. Aber mit den 414 Seiten des neuesten Mesusa-Bandes hat Johann Fleischmann dem Grauen ein Gesicht gegeben. Zur Buchpräsentation waren auch Jacky Hilary und Debbie Herrington, die Enkelinnen von Haas, aus England nach Mühlhausen gekommen.


Jacky Hilary und Debbie Herrington sind die Enkelinnen von Manfred Moses Haas, der in Auschwitz ums Leben kam. Die beiden waren zur Vorstellung von „Mesusa 6“ extra aus England nach Mühlhausen gekommen. Verfasser des Buches ist Johann Fleischmann (rechts). Manfred Welker

Die Anregung für den sechsten Band erhielt Fleischmann bereits 1991, als die Namen für das Mahnmal in Mühlhausen zusammengetragen wurden. Als es 1996 eingeweiht wurde, fehlten die Namen Manfred und Olga Haas noch, da vermutet wurde, dass die Familie das rettende Ausland erreicht haben könnte. 2002 begannen die Recherchen, schon zum damaligen Zeitpunkt wollte Fleischmann das Buch zum 70-jährigen Gedenktag der Pogromnacht am 9. November 1938 erscheinen lassen.

Während in den größeren Städten die Ausschreitungen am Abend des 9. November 1938 begannen, erreichten die Ausläufer des Grauens die Landgemeinden erst am Morgen des 10. Novembers. Betroffen waren in unserer Region die jüdischen Gemeinden in Adelsdorf, Aschbach, Burghaslach, Mühlhausen, Uehlfeld, Trabelsdorf und Walsdorf. Die Synagogen wurden geplündert und die Ritualien auf einem Platz vor der Synagoge verbrannt. Aus Angst, Nachbargebäude könnten Feuer fangen, wurden viele Landsynagogen nicht angezündet und sind bis in die heutige Zeit erhalten geblieben, allerdings mit anderer Nutzung.

Die Pogromnacht war der Beginn vom Ende der jüdischen Landgemeinden. Dies zeigt Fleischmann anhand der jüdischen Familie Haas aus Mühlhausen.

Kassier beim Gesangverein

Eine jüdische Familie Haas tauchte dort erstmals 1871 auf, als ein Lehrer für die jüdische Schule gesucht wurde. Jakob Haas aus Hörstein bei Aschaffenburg bewarb sich auf die Stelle und blieb nach einigen Intermezzi bis zu seinem Tod dort. Seine zwei Töchter wurden noch in Hetzelsdorf geboren, der Sohn Manfred Moses Haas kam in Mühlhausen auf die Welt. Jakob Haas war in Mühlhausen integriert, so verwaltete er beispielsweise die Kasse des Gesangvereins.

Sein Sohn Manfred Moses Haas besuchte aufgrund seiner Begabung das Fridericianum in Erlangen. Dort haben sich sogar die Zeugnisse aus neun Jahren erhalten, aus denen Fleischmann einige Beurteilungen vortrug. Aber bereits Pfarrer Richard Matthes hatte ihn in Mühlhausen in Latein unterrichtet. Ein Beleg der praktizierten Symbiose zwischen den Religionsgemeinschaften in dem Ort.

Nach dem Abschluss der Schule im Jahr 1903 wechselte Manfred Haas zum Studium der Medizin nach Würzburg. Der Vater starb 1906, die Mutter Peppi Haas bei einer ihrer Töchter in Obernzenn im Jahr 1911.

Als national gesinnter Deutscher meldete sich Manfred Haas wie so viele 1914 als Kriegsfreiwilliger bei der bayerischen Armee. Gleich den anderen jüdischen Kämpfern hoffte er auf die totale Integration in Deutschland durch den Militäreinsatz. Seine Kriegsstammrolle lässt erkennen, dass er mit dem bayerischen Militär-Verdienstorden IV. Klasse und dem Eisernen Kreuz II. Klasse ausgezeichnet wurde. Das Eiserne Kreuz I. Klasse wurde ihm als Jude aber verweigert, obwohl er sich als Arzt in den vordersten Linien um Verletzte kümmerte. Beim Militär blieb Haas bis 1920, wo er zum Stabsarzt befördert wurde.

Von München nach Leipzig

Von 1919 bis 1925 ist Haas in München nachweisbar, wo er Olga van Ween heiratete. Dort wurde auch 1922 sein Sohn Hans-Otto geboren. 1926 übersiedelte die Familie Haas nach Leipzig, wo Dr. Manfred Moses Haas eine eigene Praxis eröffnete.

Im Juni 1930 trat Haas aus der Religionsgemeinschaft aus und 1938 wieder ein. Ein Grund wird nicht angegeben. Wie für alle Juden wurde auch für ihn die Lage seit 1933 immer schwieriger. 1935 erhielten alle Kriegsteilnehmer des Ersten Weltkriegs, auch Juden, noch das Frontkämpferabzeichen.

Zur gleichen Zeit musste sich sein Sohn Hans-Otto in der Schule schon gegen Schikanen zur Wehr setzen.

Ab 25. Juli 1938 durften sich jüdische Ärzte nur noch als Krankenbehandler titulieren. Es folgte der Einzug des Reisepasses, ein großes J wurde in den Pass eingestempelt, die Bankkonten wurde für alle Juden eingefroren. In der Reichspogromnacht wurden die Leipziger Juden in Schutzhaft genommen und vorübergehend nach Buchenwald deportiert.

Der Sohn Hans-Otto Haas konnte am 19. August 1939, also nur wenige Tage vor dem Kriegsbeginn am 1. September, mit einem Flugzeug nach London ausgeflogen werden. Nähere Umstände sind nicht bekannt. Die Zurückgebliebenen mussten mit den Behörden einen Heimeinkaufsvertrag abschließen, der ihnen Sicherheit vorgaukelte. Trotzdem wurden Dr. Manfred Moses und Olga Haas am 19. September 1942 nach Theresienstadt deportiert. Von dort gelangten sie am 9. Oktober 1944 nach Auschwitz, wo sich ihre Spur verliert.

Die anwesenden Töchter von Hans-Otto Haas, Jacky Hilary und Debbie Herrington, erinnerten sich beim Vortrag in Mühlhausen daran, dass ihr Vater nicht gerne über seine erste Zeit in England redete. Zunächst wurde er auf der Isle of Man interniert. Er wollte unbedingt zur Royal Air Force, um beim Krieg gegen Nazi-Deutschland dabei zu sein, wurde aber nicht genommen.

Nach Kriegsende versuchte er Näheres über das Schicksal seiner Eltern herauszufinden. Erst 1971 hatte John Hayes, so nannte sich Haas inzwischen nach seiner Einbürgerung in Großbritannien, durch das Rote Kreuz die Gewissheit, dass seine Eltern im Konzentrationslager umgekommen waren.

Fleischmanns Arbeit gewürdigt

Nachbarn in Leipzig hatten in der Reichspogromnacht Wertgegenstände der Familie Haas gesichert und sie in den 1950er Jahren nach England gebracht. Ein Beleg dafür, dass es auch im damaligen totalitären NS-Staat andersdenkende Bürger gab, die nicht auf einer Linie mit dem Regime lagen.

Der Abend im Vereinsheim des Heimatvereins Reicher Ebrachgrund verging bei der Vorstellung von Johann Fleischmann wie im Flug. Vereinsvorsitzender Franz Kachler würdigte daher auch die Arbeit von Fleischmann als grundlegend für die Region.

Die Bände der Mesusa-Reihe erschienen bisher in zweijährigem Abstand. Und Johann Fleischmann wäre nicht Johann Fleischmann, wenn die nächsten drei Bände der Mesusa-Reihe nicht schon in Planung wären. Zwei Bände davon sollen sich mit der Geschichte und den Schicksalen jüdischer Mitbürger in der Region befassen.

Quelle: www.infranken.de (Fränkischer Tag)
von Manfred Welker

 
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